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Spielplan

Foto: Erika Fernschild
Foto: Erika Fernschild

Marke Mensch – wie lange halten Helden? Elisabeth Schweeger zur Spielzeit 2005 / 2006





schauspielfrankfurt kommt jetzt in die fünfte Spielzeit. Bisher haben wir konsequent versucht, brisante Themen anzuschneiden und sie aus den verschiedensten Blickwinkeln zu betrachten. Vielfalt war unser programmatisches Grundkonzept, um den unterschiedlichsten Ausdrucksmöglichkeiten eine Plattform zu bieten und auf dieser eine konstruktive Streitkultur anzuregen.
Unsere Wertesysteme, unsere Orientierungspunkte verschwimmen im Alltag der Globalisierung. Nichtsdestoweniger bleibt unsere Sehnsucht nach Identität bestehen. Wie Identität aber zu fassen oder gar zu definieren wäre: Wir wissen es nicht mehr. Hieraus entsteht das überall festzustellende Bedürfnis nach Moral und einem neuen Wertekanon. Suchen wir deshalb angestrengt nach Helden? – Und wie lange halten diese Helden? Helden sind außergewöhnlich. Sie handeln jenseits überkommener Kategorien, sie übersteigen die Maßstäbe des Menschenmöglichen, sie halten sich außerhalb der Ordnung auf. Ihr Handeln ist gebunden an Arbeit und Krieg. Dennoch werden sie nicht schon durch ihre Taten zu Helden. Es sind, entzündet am Nutzen für die Gemeinschaft, Erzählungen, Legenden und Mythen, die Helden erst hervorbringen und produzieren. In der antiken Mythologie hatte der Held Vorbildcharakter. Die modernen Helden dagegen dienen qua Medien nur Marketing- und Verkaufsstrategien. Unsere Fußballer, Rennfahrer, Feuerwehrleute, alleinerziehenden Mütter etc. tragen als Helden des Sports oder des Alltags bereits den Stempel des Verfallsdatums auf der Stirn: zwei, drei bis vier oder fünf Jahre – und ab in die Entsorgung. Erinnerungswert gleich Null, Erkenntnis gleich Null. Daß die modernen Helden nur mehr kurze Verfallzeiten haben, mag an der Kurzlebigkeit der Erzählungen liegen oder auch daran, daß diese Erzählungen für uns nicht mehr funktionieren. Ausgenommen davon war bis vor kurzem die Geschichte von der Möglichkeit wirtschaftlichen Wachstums.
In der immer aggressiveren freien Marktwirtschaft aber wird der Mensch selbst zum Markenartikel. Die Frage der Identität, ebenso auf den Markt geworfen, scheint anachronistisch und hat nichts mehr mit dem Menschenbild zu tun, das wir bis dato noch vertraten. Der Mensch als Ware, als Markenartikel, bekommt entweder das Zeichen der Exklusivität oder das der Massenfähigkeit eingebrannt: entweder Cartier oder McDonalds, entweder Luxusartikel oder Massenware. Der Mensch als Marke seiner selbst führt das Markenkonzept ad absurdum.
In beiden Fällen gerät er jedoch zur kalkulierbaren und damit manipulierbaren Konstruktion. Der Mensch ist verletzlich, ausgesetzt, ausgeliefert. Unfähig, sein Innerstes zu suchen. Marke Mensch bezeichnet so auch den markierten, den gezeichneten Menschen. Erinnern wir uns an die Helden der Antike, nie perfekt, immer mit Sollbruchstelle ausgestattet, wie Achilles mit seiner Ferse, Siegfried mit seinem Schulterblatt. Der markierte Mensch bleibt in den Grenzen, die ihm die Markierungen ziehen, gefangen. Theater aber produziert permanent Helden und Heldinnen – Helden zur Erinnerung, Helden im Konflikt, Helden zum kathartischen Erlebnis, Helden auf Abwegen, Anti-Helden – und ist doch stets auf der Suche nach dem Menschlichen.
Begleiten Sie uns auf eine Reise durch die Heldenlandschaften der Antike bis zu denen der Moderne, auf der wir schmerzliche, eigenwillige, konfliktreiche, aber auch komische Episoden erleben werden.
Wir freuen uns auf Ihr Kommen.

Ihre Dr. Elisabeth Schweeger
Intendantin schauspielfrankfurt